Projekt: Teach First Deutschland
Die Absolventenmesse der Katholischen Universität Eichstatt-Ingolstadt nennt sich "Summer Challenge". Dort geht es um Sport, Spaß und Feiern, doch auch darum neue Kontakte zu möglichen Arbeitgebern zu knüpfen. Es präsentieren sich Audi, Danone und McKinsey, doch nun zum ersten Mal "Teach First Deutschland ".
Die Initiative aus Berlin will im Herbst 2009 rund 150 Akademiker als Nachwuchslehrer in Problemschulen einsetzen . Dort sollen sie zwei Jahre lang sich als Lehrer versuchen, dabei sollen sie Schülern helfen, die sonst nie von Privilegien Gebrauch machen können.
Kaija Landsberg, Geschäftsführerin von Teach First Deutschland, ist bemüht den Schülern bessere Chancen zu bieten. Sie selbst hat ihren Abschluss an der Hertie School of Governance in Berlin gemacht. Der Einsatz von Teach-First-Lehrern soll zunächst in zwei Ländern ausprobiert werden, die Absolventen werden in Grund-, Haupt- oder Gesamtschulen eingesetzt werden.
Für den Pilotlauf sollen nun Akademiker mit besonderen fachlichen und wissenschaftlichen Fähigkeiten eingesetzt werden. Die Teilnehmer der Summer Challenge kommen von renommierten Privat-Hochschulen. Etwa von European Business School in Oestrich-Winkel, der WHU in Vallendar, doch auch von staatlichen Universitäten wie Passau und Sankt Gallen. Es werden vom Teach First Deutschland-Team vor allem Mathematiker, Physiker, Betriebswirte, Chemiker und Techniker gesucht, das sind die Fächer, die sonst in der Lehrerausbildung unbeliebt sind.
Für Absolventen herrschen derzeit besonders gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Wozu dient dann der "harte" Weg durch das Klassenzimmer? Kaija Landsberg ist überzeugt, dass man dabei sich für andere einsetzt und dabei gleichzeitig die eigene Karriere zum Laufen bringen kann. Teilnehmer dieses Programms würden künftig einen leichteren Einstieg in den Traumjob erhalten, denn die Unternehmen erkennen soziales Engagement an. Nach passenden Kooperationspartnern in der Wirtschaft wird allerdings noch gesucht, diese sollen das Projekt nicht nur finanziell unterstützen, sondern durch ihren Namen auch Bewerber aufmerksam machen. Die Hertie-Stiftung hat 40 000 Euro zur Unterstützung gezahlt, so auch die Zeit-Stiftung, doch die Startfinanzierung neigt sich langsam dem Ende.
Dass sich das Projekt lohnt, zeigt das Beispiel der Vereinigten Staaten. Dort wird "Teach for America" und "Teach First" in Großbritannien, schon seit 1990 angewandt. Im vergangenen Jahr wurden bei der amerikanischen Version etwa 20 000 Bewerber gezählt. Die Gründerin Wendy Kopp wird vom "Time Magazine" schon zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten gezählt.
Kaija Landsberg hat beide Projekte für ihre Masterarbeit im Fach "Public Policy", besucht. So nahm sie am Unterricht in Harlem, New York teil und begegnete dort Wendy Kopp. Hautnah sah sie, wie das Projekt funktioniert und hatte die Idee, auch in Deutschland ein solches Projekt einzuführen.
Lehrerverbände hierzulande sind von diesem Projekt jedoch nicht überzeugt. Das Projekt bezeichnet die stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer als "Gegenreaktion junger Menschen auf die neoliberale Ellbogen-Ideologie", dennoch lobt sie, dass Absolventen, mit besonders guten Berufschancen, in Problemschulen Erfahrungen sammeln wollen. Für den Philologenverband erscheint die Schule aber nicht geeignet für den Einsatz von Eliten. So kritisiert der Verbandsvorsitzende Heinz-Peter Meidinger, dass die Absolventen andere Ziele im Leben haben und kaum von der Erfahrung an Schulen profitieren können, da benötige man mehr als nur zwei Jahre. Außerdem ließe sich das amerikanische Modell nicht auf Deutschland übertragen. Denn in den Vereinigten Staaten bleiben die Lehrer durchschnittlich acht Jahre, bevor sie den Beruf wechseln. Eine derartige Situation findet sich in Deutschlands Schulen nicht. Skeptisch ist auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE). Der Bundesvorsitzende Ludwig Eckinger warnt, dass der Lehrerberuf kein "Schnupperjob" ist. Dabei ist die Enttäuschungspotential sehr hoch und besonders für diejenigen hart, die darauf nicht vorbereitet sind.
Um dem entgegen zu wirken, sollen Teach-First-Lehrer mit Tutoren zusammen arbeiten, also Erziehungswissenschaftlern und Lehrerausbildern, dabei am Unterricht teilnehmen und an Verbesserungsvorschlägen arbeiten. Zudem soll jedem Nachwuchslehrer ein Mentor im Kollegium zugewiesen werden. Der "Fellow" wird außerdem vor dem Eintritt in die Schulen, an einem dreimonatigen Vorbereitungskurs absolvieren. Dieser Kurs wird mit Kurt Czerwenka, Leiter des Instituts für Schul- und Hochschulforschung an der Uni Lüneburg, erarbeitet. Geplant sind eine Woche Schulpraktikum, Seminare über die Fachdidaktik und Lernpsychologie, zudem mehrwöchige Praxisphasen. Die Studierenden sollen in Sommercamps unterrichten. Später sollen die jungen Lehrkräfte für die Schüler persönliche Lernpläne erstellen. Tech First bemüht sich darum zu beweisen, dass sich der Einsatz für Problem-Schüler gelohnt hat.
Die Teach-First-Lehrer sollen entweder als Assistenten oder aber alleine arbeiten. Ludwig Eckinger vom VBE macht aber deutlich, dass die Schüler mit Widerstand reagieren werden, wenn die jungen Absolventen sich am Lehrerpult versuchen. Kaija Landsberg betont daher stets, dass den Lehrern mit dem Projekt keine Konkurrenz gemacht werden soll, es geht viel mehr um die Unterstützung der Schulen. Da Schulen diese Hilfe nötig haben, die jedoch nicht oft gegeben wird, bietet sich das Projekt sehr wohl an. Lehrerverbände kennen diese Situation zwar, wünschen sich jedoch lieber Sozialarbeiter und Schulpsychologen zur Unterstützung. Eine Lösung sind Quereinsteiger nur dann, wenn sie dauerhaft an den Schulen bleiben würden, das ist aber bei den Teach-First-Fellows nicht der Fall.
Nach dem "Summer Challenge" rechnet man mir etwa 20 ernsthaften Bewerbungen. Zu diesem Zweck soll außerdem ab Juli eine Werbekampagne gestartet werden, ab September soll dann eine Online-Bewerbung möglich sein.
Ob Elite-Studenten aus "gutem Hause" freiwillig ihren Karrierestart verzögern, um Migrantenkinder und Schülern aus Hartz-IV-Familien zu unterrichten, bleibt abzuwarten. Im Summer Challenge waren die Cocktailbar und der Sport interessanter als das Zelt des Tech First Deutschland.










