Gegen Verdrehung
Lothar Gerritzen, emeritierter Mathematik-Professor der Ruhr-Universität Bochum, fordert schon seit Jahren die Änderung der Zahlensprechweise.
Das Vertauschen der Zahlenfolge in Deutschland möchte er abschaffen, demnach würde es nicht mehr einundzwanzig sondern „zwanzigseins” heißen. Er gründete vor vier Jahren den Verein „Zwanzigeins”, nun hat er in seinem gleichnamigen Buch, sein Plädoyer über die verdrehte Sprechweise veröffentlicht.
Dass es „halt so ist” und dass Deutsche schon „immer” verdreht gesprochen hätten, damit möchte der Professor sich nicht zufrieden geben. Dazu wurden Fakten, Argumente und Meinungen zusammengestellt und es wurde deutlich, dass Kinder Freude an entsprechenden Schulversuchen haben und dass Länder wie Norwegen ihre Zahlenaussprache erfolgreich erneuern konnten. Außerdem verursacht die Zahlensprechweise der Deutschen Fehler und richtet in der Wirtschaft schaden an.
Diese Eigenschaft der Deutschen ist eine Eigenart, die seit über 4 000 Jahre besteht. Denn zu der Zeit gab es lediglich einfache Schriftzeichen, ein Strich für Einer und ein Kreuz für Zehner. Dabei standen die Einer vorne, die Zahl dreizehn würde so aussehen: „IIIX”, daher auch die Aussprache Drei-zehn. Obwohl sich mit dem Siegeszug der Araber die arabischen Ziffern in Europa durchsetzten, blieb die verdrehte Aussprache im indogermanischen Sprachraum jedoch bestehen. Sprachen, die mit dem Deutschen verwandt sind, änderten ihre Zahlensprechweise. Die Engländer um 1600 und die Norweger erst vor circa 50 Jahren.
Gerritzen geht nicht nur auf diese Beispiele ein, er setzt sich mit dem Thema von verschiedenen Blickwinkeln auseinander. Er lässt so zum Beispiel, ausländische Mitbürger dazu ihre Meinung äußern, etwa über die Schwierigkeiten, die deutsche Zahlenschreib- und -sprechweise zu erlernen. Aber auch Missverständnisse wegen der verdrehten Zahlensprechweise werden von Gastautoren berichtet.
Empirische Schulversuche und Erfahrungen aus dem Unterricht, so auch die Ergebnisse aus Diplomarbeiten werden dokumentiert. Daraus ging hervor, dass Grundschulkinder deutlich weniger Fehler machen, wenn die Zahlen in der unverdrehten Sprechweise diktiert werden, bei der verdrehten Sprechweise jedoch deutlich mehr „Inversionsfehler”, besonders im zweiten Schuljahr. Ebenso schleichen sich bei einfachen Additionsaufgaben Fehler ein, wenn die Zwischenergebnisse verdreht aufgeschrieben werden. Also entsteht aus der 61 als Zwischensumme, eine gedachte „sechzehn”. Eine Referendarin bezeichnet die Methode, mit der an deutschsprachigen Schulen die Zahlensprechweise gelehrt wird als „antiquiert und dogmatisch”. Die Lehrkräfte haben auf die Frage, warum Zahlen von hinten nach vorn gelesen werden, keine sachgerechte Antwort. Das liegt daran, dass ihnen selbst in ihrer Ausbildung dazu nichts vermittelt worden ist.
Der damalige Doktor der Sternwarte Berlin, Wilhelm Förster hatte schon im Jahr 1900 diese Diskussion geführt. Er hatte eine Reform vorgeschlagen und erinnerte dabei an die Missverständnisse im Zählungs- und Rechnungsverkehr, die ohne die verdrehte Aussprache nicht auftauchen würden. Fünfzig Jahre später brachte Prof. Martin Schellenberger im Jahr 1953 das Buch „Zahlwort und Schriftbild” auf den Markt. Damit wollte er dazu aufrufen, die Sprechweise der Zahlen dem Schriftbild anzupassen. Die Diskussion ist somit schon hundert Jahre alt.








