Potpourri Europa
In der Hochschule dürfte es dem ein oder anderen Studenten schnell bewusst werden, dass Europa für den Großteil der Kommilitonen eine „Unbekannte” ist.
In der Hochschule dürfte es dem ein oder anderen Studenten schnell bewusst werden, dass Europa für den Großteil der Kommilitonen eine „Unbekannte” ist. In entsprechenden Diskussionen kommt schnell ans Licht, dass Vielen, einfachstes Hintergrundwissen im Bezug auf Europa fehlt. Aus diesem Grund wächst die Idee, eine Ringvorlesung mit Dozenten verschiedener Disziplinen zu beginnen, damit fächerübergreifend Wissenslücken geschlossen werden können.
„Europa” als Marke wirkt auf dem Hochschulmarkt, besonders seit der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge. Der Hochschulkompass ist ein von der Hochschulrektorenkonferenz geführtes Verzeichnis, das zurzeit 84 Programme mit „Europa” im Titel, auflistet. So zum Beispiel, „European Computer Science” an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg oder etwa „Religion im europäischen Kontext” an der Universität Siegen. Bei den weiterführenden Studienmöglichkeiten, ist die Auswahl der Angebote sehr groß. Europäisches Management im brandenburgischen Wildau, in Potsdam Europäische Medienwissenschaft und in Passau Europarecht, insgesamt werden in der Datenbank 135 Einträge genannt. Ein Berater der Bundesagentur beobachtet schon seit Jahren die Entwicklung des Arbeitsmarktes für Akademiker und bemerkt den schnellen Anstieg dieser Studiengänge. Er hat festgestellt, dass viele Studenten von vornherein Studiengänge ausschließen, die nichts mit „international” oder „europäisch” zu tun haben.
Außerdem ist er der Meinung, manche Hochschulen hätten im Zuge dieser Entwicklung mit „Mogelpackungen” reagiert. Den Namen des Studiengangs verwendet man oft als Marketinginstrument, der Inhalt hingegen kann diesen nicht decken. Daher fällt auch die entsprechende Vermittlung nicht einfach. In der Europäischen Kommission, im Parlament und am Gerichtshof gilt es 49 000 Stellen zu besetzen. Dort ist der Andrang groß und jeweiligen Auswahlverfahren sind schwer. Außerdem werden hier selten „Europa-Allrounder” sondern Fachleute gebraucht, die zwei oder mehr Fremdsprachen sprechen. Nach Kenntnissen der europäische Geschichte, Rechtsordnung oder der kulturellen Identität fragt noch nicht einmal eine aktuelle Stellenausschreibung für den „EU-Referenten” eines Max-Planck-Institutes.
Die vermeintliche Traumstelle malen sich Manche attraktiver aus, als sie in Wirklichkeit sein wird. Es stehen einem nicht unbedingt luftige Büros, Limousinen oder Termine inmitten der Mächtigen bevor. Studierende sollten sich von Illusionen befreien und eher an die berufliche Zukunft in einem internationalen Unternehmen denken.
Das Beispiel eines spanischen Studenten zeigt jedoch, dass es nicht bei Illusionen bleiben muss. Im Rahmen des eineinhalbjährigen Master-Programms „Euroculture” muss er ein obligatorisches Auslandssemester absolvieren, so ist er nach Göttingen gezogen. Dieser Studiengang wird von sechs Hochschulen in sechs Ländern organisiert, der 28-Jährige hätte so auch nach Groningen, Uppsala, Krakau und ins tschechische Olmütz wechseln können. Die Kooperation mit sechs Universitäten ist nicht einfach und findet nicht ohne Reibungsverluste statt, eins war die Zahl der Partnerhochschulen größer und in Göttingen haben sich neulich die Juristen vom Programm entfernt.
Die EU jedoch hat „Euroculture” in ihr Förderprogramm „Erasmus mundus” aufgenommen, das erstklassige Master-Studiengänge mit einem Siegel auszeichnet. Der Spanier wird beim Cervantes-Institut in Berlin einen Praktikumsvertrag unterschreiben und im kommenden Semester seine Abschlussarbeit schreiben. „Euroculture” konnte den Spanier besonders durch die Mobilität überzeugen.
Was zeichnet aber einen guten Europa-Studiengang aus? Dazu lädt der Flensburger Soziologieprofessor Gerd Grözinger zu einer Konferenz Ende September ein. Hier wird seit 2006 ein zweijähriges „European Studies Program” für Master-Studenten, auf Englisch und in Zusammenarbeit mit einer dänischen Universität, angeboten. Immer mehr indische Bachelor-Absolventen werden von diesem Programm angezogen, so Grözinger.
Er selbst ist der Meinung, dass deutsche Programme oft zu juralastig sind. Hierbei stimmt ihm der Historiker Hein Hoebnik zu, er entwickelt derzeit in Düsseldorf den Master-Studiengang „Europa kulturhistorisch”. Zudem seien auch die Politik- und Wirtschaftswissenschaften überproportional in den Studiengängen vertreten. So will er ab dem kommenden Wintersemester einen geisteswissenschaftlichen Gegenpunkt setzen und macht deutlich, dass so „kompetente Akteure” für die mobile Welt ausgebildet werden sollen.
Zu diesem Thema findet schon die vierte Konferenz in Flensburg statt. Der Austausch der Konzepte und Inhalte der Europa-Studiengänge ist jedoch nicht verbindlich oder Ähnliches. Der „Arbeitskreis europäisch orientierter Magister- und Master-Studiengänge” konnte nicht über einen lockeren Zusammenschluss Gleichdenkender hinauswachsen. In Deutschland sind solche Studiengänge klein, im Semester sitzen kaum mehr als zwanzig Studierende. Die Orientierung ist schwer und es fehlt am Überblick. Was verbirgt sich hinter den Programmen? Wie ist es mit der Internationalität und der Interdisziplinarität? Nur mühsam lässt sich erkennen, wo die Verbindungen zwischen Europa und den Lehrveranstaltungen einer Uni sitzen.
Das ist eines der Gründe, die deutsche Studieninteressierte ins Ausland treibt. Speziell nach Maastricht zieht es sie, dort wurde 1992 der Gründungsvertrag der Europäischen Union unterzeichnet. Die Universität vor Ort bietet nun seit drei Jahren „European Studies” an und mit seinen rund 300 Erstsemestern ist es bereits das größte Programm seiner Art in Europa. Die Politologin Sophie Vanhoonacker berichtet, dass die Hälfte der Studierenden aus Deutschland kommen, viel mehr sollten es jedoch nicht werden, da die Anzahl der Jobs begrenzt sind. Die ersten Absolventen aus Maastricht sind heute in der Politikberatung und in Lobbyverbänden, in Regierungen und in Nichtregierungsorganisationen und in Abgeordnetenbüros tätig.
Welchen Vorteil die Größe mit sich bringt, ist deutlich. Bei Sophie Vanhoonacker klingelt inzwischen das Telefon, wenn im 100 Kilometer entfernten Brüssel Praktikantenplätze zu vergeben sind. Ein weiterer Pluspunkt besteht in der Tradition. Das Europa-Kolleg im belgischen Brügge spielt einen Triumph aus, denn sie gilt als „Kaderschmiede” für die Organisationen der Europäischen Union.
In der Ringvorlesung in Halle haben inzwischen ein Wirtschaftsjurist, ein Germanist und ein Völkerrechtler die Frage „Europa, wer bist du?” beantwortet.








