Halb voll/ halb leer?
Wenn es um den Berufsstart geht, sind nicht alle Studierenden gleich optimistisch.
An den Hochschulen Deutschlands wurde eine Studie der Konstanzer Arbeitsgemeinschaft Hochschulforschung durchgeführt, die Rangliste der „Bedrückten” führten die Sozial- und Kulturwissenschaftler mit zwanzig Prozent an. Ihre Sorge ist es, nach dem Abschluss keine entsprechende Stelle, die ihrer Ausbildung gerecht wird, zu finden. Die Quote ist bei Juristen und Naturwissenschaftlern nur halb so groß. Angehenden Rechtswissenschaftler sind sehr bekümmert darüber, ob sie nach dem Examen eine Stelle finden oder nicht. Ein viertel der Befragten waren skeptisch und zweifelten. Die Mediziner aber waren die „Optimisten”, denn nur ein Prozent rechnet mit Schwierigkeiten für den Berufseinstieg.
Womit lässt sich das begründen? Das Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS) fand heraus, dass Sozialwissenschaftler tatsächlich nicht so schnell eine Stelle finden wie etwa Mediziner oder Wirtschaftswissenschaftler. Nach ihrer letzten Prüfung finden lediglich 51,3 Prozent der Soziologen, ohne langes Suchen eine Arbeitsstelle. Verglichen zu den Medizinern ist es eine geringe Zahl, denn diese liegen bei 86,7 Prozent. Bei Informatikern sind es sogar stolze 94,6 Prozent. Die Aussichten für Sozia- und Kulturwissenschaftler werden künftig nicht mehr all so „schlecht” sein. 67 Prozent der Soziologen und 70 Prozent der Geisteswissenschaftler haben rund ein Jahr nach ihrem Abschluss einen Arbeitgeber gefunden. Insgesamt liegt der Mittelwert für Akademiker bei 69 Prozent.
Möglicherweise stoppen sich Soziologiestudenten auch selbst mit negativen Prognosen und dem bekannten Spruch, die Zukunft der Soziologiestudenten läge in der Taxibranche. Auch viele Jurastudenten sind eher pessimistisch. Den Studierenden fehlt es hier an positiver „Aufbauarbeit”, denn nie bekommen sie von einem Dozenten zu hören, dass alles gut verlaufen würde. Viel öfter hören sie aber, welche Schwierigkeiten das Leben mit sich bringt. Für viele der Studierenden ist eine solche „Negativ”-Motivation fatal, denn die Studenten blockieren sich zunehmend und mindern ihren Erfolg.
Wer sich trotz der Schwierigkeiten für das Weitermachen entscheidet, nimmt die Herausforderung an und erledigt diese auch. Anstatt Panik zu schieben und über Prüfungsängste zu reden, wird einfach gelernt. Auch wenn nach dem Studienabschluss zunächst nur Ablehnungen kommen, sollte man sich nicht entmutigen lassen. Als „Übergangslösung” bieten sich auch andere Berufe an, denn auf Hartz IV warten will keiner.
Martin Seligman ist Professor an der University of Pennsylvania und macht deutlich, dass das Weitermachen der richtige Weg ist. Er ist nämlich der Meinung, dass externe Faktoren für den Optimismus des Studenten keine Rolle spielen. Die zuversichtliche Einstellung verdankt man vielmehr seinen vererbten Grundbegabungen und den Lebensumständen. Entscheidend ist die Entscheidung des Studierenden selbst, „es” positiv anzugehen. Auch wenn der Arbeitsmarkt tatsächlich schlechte Chancen bietet, hängt es dennoch davon ab, wie die objektive Situation subjektiv gesehen wird und wie man sich dem gegenüberstellt.
Die Psychologin Gislinde Bovet, Vorsitzende der Sektion Aus-, Fort- und Weiterbildung in Psychologie des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen, ist der Meinung, die Umwelt begegnet einem so wie die persönliche Erwartung ist. Ein Student mit einer pessimistischen Grundhaltung zum Beispiel, vermeidet Herausforderungen etc., weil er/sie sich vor den Misserfolgen fürchtet. Entweder sind geringe Ansprüche daran Schuld, oder aber es sind völlig überhöhte Erfolgsvorstellungen. Der Pessimist neigt dazu negativ an Aufgaben ranzugehen und blockiert sich dabei. Ihm entgehen so Möglichkeiten aus Misserfolgen zu lernen oder an Erfolgserlebnissen mehr Selbstvertrauen zu erhalten. Ganz anders sind da Optimisten, sie schrecken vor keinen Anforderungen zurück, ihnen fällt es zudem viel einfacher aus Misserfolgen etwas zu lernen.
Entscheidend für die optimistische bzw. pessimistische Einstellung ist vor allem die Sozialisation in der Kindheit, so die Psychologin. Kinder lassen sich durch ihre Vorbilder, die Herausforderungen und Schwierigkeiten angehen und bestehen, Erfolge und Misserfolge verarbeiten, schnell prägen. Später wird auch das Kind mit Herausforderungen zu tun haben. Will der Pessimist sich ändern und zum Optimisten wandeln, wird es nicht einfach, denn er steckt in einem Teufelskreis an fehlender Zuversicht fest. Schlussendlich lässt sich sagen, dass die Pessimisten zwar oft unglücklicher sind als Optimisten, doch dafür sind sie weiser.








