Ehrenkodex und Eid an der Uni

semesterticket_hand.jpgDas Sweet Briar College ist für Maria Jansen paradiesisch. Das riesige Campusgelände des Mädchencollege liegt zwischen Washington und den Blue Ridge Mountains. Rund dreizehn Quadratkilometer, vereinzelt bestückt mit kleinen Häusern. Doch es nicht die Landschaft von der Maria begeistert ist. Klausuren werden ohne Aufsichten geschrieben, manche Klausuren dürfen sogar mit nach Hause genommen werden.

Sogenannte „Take-Home-Exams“ ist eine von vielen neuen Erlebnissen an der Sweet Briar College, von denen sich Marias Heimatuniversität in Heidelberg unterscheidet. Um Betrug und Plagiaten entgegenzuwirken, setzt man hier auf rechtliche Vorschriften. Doch in Sweet Briar wird ein Eid geleistet. Während man Ehrenkodices in Deutschland in einigen Berufsgruppen antrifft, sind derartige selbstauferlegte Bestimmungen unter den Studenten nicht zu finden. Doch die USA setzt schon lange darauf.

Maria erklärt, wie stolz die Studentinnen auf ihren Ehrenkodex sind. Stolz sind sie zudem darauf, dass sie sich selbst um die Einhaltung des Kodex kümmern, das Studentenkomitee ist für die Verstöße zuständig. Thomas Jefferson, Gründungsvater der Vereinigten Staaten und einst Leiter des College William an Mary in Virginia, arbeitete Ende des 18. Jahrhunderts am womöglich ersten akademischen Ehrenkodex. Traditionsgemäß sollte nicht nur der Intellekt sondern auch die Moral geschult werden. Man bemühte sich aus „kleinen Jungs“ Ehrenmänner zu erziehen. Noch bevor Jefferson einen offiziellen Kodex einführte, existierten Regeln für ein ehrenhaftes Verhalten. Die Vorstellung aber, dass die Studenten selbst ihre Verhaltensregeln formulieren und über ihre Einhaltung wachen, lässt sich auf Jefferson zurückführen.

Dieser Grundsatz gilt heute noch, sowohl am College William and Mary als auch in Sweet Briar. Nachdem sich Maria Jansen und ihre Kommilitoninnen ihre Klausuren abgeholt haben, setzen sie sich in einen von fünf Klassenräumen, manche Klausuren dürfen sogar mit nach Hause genommen werden. Im Wohnheim auf dem Campus teilen sich stets zwei Studentinnen ein Zimmer. Wie viel Zeit den Studentinnen zur Bearbeitung der Fragen zur Verfügung steht, ist dem Prüfungsbogen zu entnehmen. Ob sich die Studentinnen daran halten, ist eine Frage der Ehre. Die Take-Home-Klausuren sind aber keine Freikarte zum Abschreiben. Das abgegebene Versprechen, nicht zu schummeln, wird nicht allein vom eigenen Gewissen sondern auch von den Kommilitoninnen bewacht. Beim Schreiben der Klausuren sind zwar keine Aufsichtspersonen da, doch die Studentinnen sitzen gemeinsam in einem Raum. Sie sind verpflichtet, jeglichen Betrug zu melden. So hält sich das System der Selbstkontrolle.

Die 25 Jahre alte Austauschstudentin studiert in Heidelberg Latein und Geschichte, in Amerika die amerikanische Kultur. Sie lernt die Schattenseiten von Sweet Briar dabei erscheint ihr die Institutionalisierung von Moral eher fragwürdig. Denn der Kodex sorgt dafür, dass weniger Fehler gezeigt werden und so Missstände verborgen bleiben. Für die amerikanischen Studentinnen ist der Kodex eine intakte Ordnung, Moral und Sitte werden eingehalten. Im College können die Studentinnen nicht ausmachen, von wem sie wann beobachtet werden.

Elke Geenen erklärt aber, dass im Idealfall solch eine ausufernde Kontrolle nicht sein muss. Die Privatdozentin für Soziologie an der Uni Kiel untersuchte das Wesen und das Prinzip des Ehrenkodices. Demnach ist ein wichtiges Merkmal, dass diese Regeln von innen heraus entwickelt werden- anders als Gesetze. Als eine Art Selbstkontrolle kann man sie bezeichnen. Dabei fürchten sich diejenigen nicht vor einer Strafe, sondern um den Verlust der eigenen Würde. Während einer akademischen Ausbildung gewinnen die Studierenden an Ansehen und Prestige, doch das können sie durch einen Fehler wieder verlieren. Hinzu kommt, dass sich der eigene Wert sich an den Maßstäben der Gruppe orientiert, mit „Ehre“ gelingt es demjenigen also sich selbst zu definieren. Die Soziologin erklärt, dass eine derartige Richtschnur wichtig ist, um seine Identität zu formen.

Nach den Erkenntnissen von Elke Geenen werden viele Ehrenkodices nicht explizit ausformuliert. Erst wenn man „aneckt“, erkennt man diese. Das amerikanische „Center for Academic Integrity“ hat in einer Studie herausgefunden, dass es an Unis, deren Kodex explizit formuliert wird, deutlich weniger zum Anecken als an anderen Universitäten. So werden ein Drittel bis die Hälfte weniger Täuschungsversuche unternommen. Im vergangenen Jahr wurden in Sweet Briar lediglich ein Dutzend Verstöße gegen den Ehrenkodex unternommen, neun Verstöße wurden von Dozenten gemeldet. Dass die Zahl so gering bleibt, lässt sich möglicherweise auch auf die Größe der Klassen zurückführen.

In Sweet Briar studieren derweil 620 junge Frauen, sie nennen ihr College „PinkBubble“. Maria Jansen berichtet hiervon, Pink Bubble, eine Seifenblase in dem sie leben. Der Vergleich lässt sich auf die Abgeschiedenheit des Campus zurückführen. Die nächste Stadt liegt knapp 20km entfernt, doch es fährt kein Bus dorthin. Daher lebt der Großteil der Studentinnen auf dem Campus und ihre Welt endet am Pförtnerhäuschen.

Die University of Virginia hat 16 000 Studenten und auch dort gilt ein Ehrenkodex. Michael Brunelle, studierte selbst in Madrid und New York und unterrichtet nun Spanisch in Sweet Briar. Er berichtet, dass man in Spanien nach der Rückgabe einer Klausur fragt, was einem der Professor gegeben hat, in Amerika jedoch fragt man, was man sich verdient hat. In Amerika stellen sich Studierenden als Einzelkämpfer heraus, es fehlt ihnen der Zusammenhalt in der Klasse. Anders als in Spanien beispielsweise, wo die gesamte Klasse gegen den Dozenten kämpft. Dazu erklärt die Soziologin, dass Amerikaner wegen ihrer hohen Mobilität und Flexibilität weniger tiefgehenden Bindungen eingehen und somit entsteht kein besonders enger Sozialverbund.

Geenen sieht die Notwendigkeit solcher Ehrenkodices auch in Deutschland. Besonders unter Bachelorstudenten, die dazu tendieren mit wenig Arbeitseinsatz und Begeisterung, das Studium abzuschließen. Hier sind die Dozenten gezwungen genauer zu prüfen, ob es sich bei Arbeiten um Plagiate handelt.

Maria aber sieht in einem Ehrenkodex keine Lösung gegen Faulheit und Unmotivation. Die Studentinnen in Sweet Briar würden um die Länge ihrer Hausarbeiten feilschen und erscheinen nicht zu Prüfungsterminen, wenn ihnen der Lernaufwand zu hoch ist.


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