ECTS und seine Tücken

Europaweit stellt das „European Credit Transfer and Accumulation System” ECTS sicher, dass die von den Studierenden bei Auslandsstudien erbrachten Leistungen

Europaweit stellt das „European Credit Transfer and Accumulation System” ECTS sicher, dass die von den Studierenden bei Auslandsstudien erbrachten Leistungen, auf ihren Bachelor oder Master angerechnet werden können. Mittlerweile sind fast 20 Jahre seit seiner Einführung vergangen und das System funktioniert noch immer nicht reibungslos.

Die Studentin Maria V. bereitet sich auf ihre Masterprüfung in Biowissenschaften vor. Sie ist Studentin an der Universität Münster, verbrachte aber zwei Semester vor ihrem Bachelor-Abschluss, in Schweden. Vor ihrer Fahrt in den Norden hatte sie sich bei einem Professor und weiteren Verantwortlichen aus der Uni-Verwaltung informiert. Ihr wurde versichert, dass es mit dem European Credit Transfer System kein Problem gäbe, sich Auslandsaufenthalte anerkennen zu lassen, denn es würden ja immerhin europäische Noten vergeben werden.

In Deutschland wird den meisten Studierenden, die für mindestens ein Semester im Ausland studieren wollen, diese Auskunft gegeben. Die geltenden Gesetze besagen ja, dass ECTS soll allen Studierenden die Garantie geben, dass im Ausland erbrachte Leistungen für den heimischen Abschluss anerkannt werden. Die Leistungen eines Jahres entsprechen 60 Punkten, je nach belegten Kursen und Arbeitsaufwand werden diese vergeben.

In einer Umfrage stellte die Europäische Studentenvereinigung ESU jedoch fest, dass es 47 Prozent der europäischen Hochschulen Probleme mit der Anerkennung haben.

Es gibt in fast allen Ländern Europas die jeweiligen Gesetze, doch ihre Anwendung in der Praxis funktioniert nicht. Für die Studierenden stellt dies ein großes Problem dar. Bislang konnte kein Land das System komplett anwenden.

Zudem hat die Untersuchung der ESU ergeben, dass in den skandinavischen Ländern, in den Niederlanden, in Belgien und in Irland das ECTS am besten angewendet wird. In Deutschland, Polen und Frankreich funktioniert sie zumindest teilweise. In den südeuropäischen Ländern hingegen ist die Umsetzung des Systems besonders schlecht.

Für Maria V. begannen die Schwierigkeiten um ihre Bachelor-Punkte im Jahr 2004. In Schweden hatte sie einen biomedizinischen Kurs in Immunbiologie belegt, den es so an ihrer Heimatuniversität Münster nicht gegeben hat. Anders als ihr zunächst versichert wurde, wurden ihre Punkte nicht anerkannt.

Um zu beweisen, dass sie wirklich etwas gelernt hat, sollte sie eine zusätzliche Prüfung in der Immunbiologie machen. Den Professor dazu gab es hier jedoch nicht, außerdem stand sie unmittelbar vor ihrer Bachelor-Prüfung, Stress pur.

Letztendlich konnte sie keinen deutschen Bachelor erhalten, lediglich einen schwedischen. Die Biowissenschaftsstudentin schaffte es aber nach langen Verhandlungen für den Masterstudiengang in Münster akzeptiert zu werden.

Der Vorsitzende der Europäischen Studentenvereinigung Koen Geven sieht den Grund für derartige Probleme bei den Hochschullehrern. Denn oft sind viele Dozenten der Meinung, ihr Unterricht sei der Beste. Sie glauben nicht, dass andere den Studenten das Gleiche beibringen könnten und erkennen so andere Kurse nicht an.

Außerdem ist das System in vielen Ländern noch nicht über die Entwicklungsphase hinausgekommen. Denn das gesamte Ausbildungssystem wird erst seit wenigen Jahren angewendet und dementsprechende Umstellungen auf Bachelor- und Master-Abschlüsse vollzogen, in Deutschland erst seit dem Jahr 2004.

David Crosier vom Verband der europäischen Universitäten macht deutlich, dass es ein Umdenken in den Universitäten geben muss. Es sollen zwar nicht alle Lernangebote Europas harmonisiert werden, doch den Hochschullehrern muss bewusst gemacht werden, dass die Studierenden in der Lage sind, Qualifikationen unabhängig von den Inhalten der Seminare zu erwerben.

Diese Organisation bemüht sich schon seit Jahren ihren Mitgliedern bei der Umsetzung des ECTS Hilfestellungen zu geben. Hierbei ist sich Crosier sicher, dass hierzu Zeit benötigt wird. Natürlich lernt der Studierende in Deutschland nicht das gleiche wie in Österreich, dennoch ist ein Abschluss nicht besser als der andere. Für Arbeitgeber besteht kein Unterschied und beide werden anerkannt. Sofern es auf dem Arbeitsmarkt möglich ist, sollte es doch auch in den Universitäten zu schaffen sein.

Bis dahin können die Studierenden lediglich darauf hoffen, bei der Anerkennung Glück zu haben. Denn eine entsprechende zentrale Beschwerdestelle gibt es nicht, eine Klage vor Gericht bleibt hier als letzter Ausweg.

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